Aegidienkirche

 

Christoph Klimke:

In der Mitte unserer Zeit

Günther Uecker in St. Ägidien

Karfreitag 1999: Premiere der "Matthäus-Passion" in der Deutschen Oper zu Berlin. Auf dem Weg ins Theater denke ich an den ersten Film Pier Paolo Pasolinis, "Accattone", die Geschichte eines armen Teufels in den Vorstädten Roms, der auf der Straße leben und - wie Christus am Kreuz - sterben muss. Pasolini nutzt Johann Sebastian Bachs Musik als Erzählmittel und zur Überhöhung. Später wird er das "Matthäus-Evangelium" verfilmen und in seinem "Fragment an den Tod" schreiben: "Ich komme von dir und gehe zu dir,/ Ein Gefühl, mit dem Licht, mit der Wärme geboren,/ die als Freude weckte der erste Schrei,/ Ich, getauft und erkannt als Pier Paolo,/ am Beginn eines rastlosen Epos..."

Karfreitag 2000: Ich bin wieder in St. Ägidien. Ein stiller Morgen. Sonnenlicht. Kein Turm weist in den Himmel über der Expo-Stadt. Glockenspiel. Klang. Kurt Lehmanns ,,Demut" zeugt von der Würde des Menschen auf seinem Passions-Weg und die Friedensglocke erinnert und mahnt, die Vergangenheit für die Zukunft anzunehmen. Licht, Klang, Würde, Zukunft. Vergangenheit. In der Mitte unserer Zeit, in der Mitte einer unserer Städte, im Zentrum unserer Welt, in der Profit immer hemmungsloser zur Religion geworden ist, in dieser Mitte fordert St. Ägidien Verantwortung ein. In unserer Gesellschaft, die mehr und mehr Individualismus mit Egoismus verwechselt und den Leib an puren Hedonismus verkauft, müssen wir unserer Verantwortung gerecht werden und sie nicht an gesichtslose Medien und die elektronischen, unsichtbaren Wege von Weltbanken zu Rüstungskonzernen und zurück delegieren.

Die Pfarrkirche St. Ägidien wird erstmals 1163 erwähnt. Mit Ausnahme des Turmbaus (1703-1717) blieb die Kirche bis Anfang des 19. Jahrhunderts nahezu unverändert. 1825/27 wurde der Innenraum völlig verändert, Pfeiler und Gewölbe wurden herausgebrochen, der Chor durch die Altarwand abgetrennt und Emporen auf gusseisernen Stützen eingestellt. Von der gotischen Hallenkirche mit ihrem weitgespannten Tudorbogen stehen seit der Zerstörung 1943 nur noch die Umfassungsmauern. Die Ruine des Kirchenschiffs wurde 1952 als Mahnmal für die Toten der Kriege ausgestaltet. 1985 wurde die Nachbildung der Glocke von Hiroshima zum Gedenken an den 40. Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs angeschlagen.

,,In der Nachfolge eines Geschehens in der Mitte unserer Zeit", schreibt Günther Uecker im Programmheft zur ,,Matthäus-Passion". Er hat den Bühnenraum gestaltet und bleibt nicht allein Interpret, sondern beweist wieder einmal seine Kraft und Bedeutung als Erzähler. Der Mensch verletzt und zerstört sich in der Vergangenheit, aber auch heute bis nach Europa, bis in unsere Nachbarschaft und Verantwortung hinein. An 14 Stationen wird die Passion Bachs zur szenischen Prozession, die über einen Steg, eine Schiene, die an die Gleise der Züge in die Konzentrationslager erinnert, unausweichlich in das Publikum hinein führt. Wir sehen zu, hören zu. Uecker wickelt Tücher um hoch aufragende Pfähle, verbindet sie miteinander, baut Kreuzfragmente, dann gewaltige Konstruktionen, in denen der Chor wie in einem mehrstöckigen Haus, dem die Fassade weggeschossen, weggebombt wurde, auftritt. Die Bühne wird somit in ihren Verstrebungen und Quer-Verweisen vieldimensional und zu einem Labyrinth, das bildhauerisch und baulich enorm aufwändig, aber durch die Materialien, die Nahtstellen und Narben, durch das sich kreuzende und durchdringende Gebilde fragil bleibt: ein angegriffener Körper.

"Welt geh aus, lass Jesum ein!" heißt es bei Bach, "mache dich, mein Herze, rein, ich will Jesum selbst begraben." Dem Modus solchen Werdens hat Günther Uecker in der Deutschen Oper einen neuen Körper verliehen. Seine Bühnen-Skulptur ist zudem Zeugnis einer neuen Station auf dem Werdegang des Künstlers selbst.

,,Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum./ Er war voll Grauen (...) Aus dem Spalier/ Der Fichten mir entgegen durch den Schnee/ trat klirrend, träum ich, Seh ich was ich seh/ Ein Kind in Rüstung, Harnisch und Visier/ Im Arm die Lanze. Deren Spitze blinkt/ Im Fichtendunkel, das die Sonne trinkt/ Die letzte Tagesspur ein goldner Strich/ Hinter dem Traumwald, der zum Sterben winkt/ Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich/ Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich." Heiner Müllers Gedicht ,,Traumwald" beschreibt die Situation genau: Du siehst einem Geschehen zu, folgst einer grausamen Passion, bist außerhalb und zugleich mitten drin. Wie hinter einer Glasscheibe, auf der sich dein Gesicht spiegelt, wirst du deiner Verantwortung und Ohnmacht gewahr. Als wolltest du dich dem Leiden verweigern, bleibst du hinter diesem Fenster oder - wie Kafka es beschreiben würde - vor der Tür. Als glaubtest du, unverwundet und unverwundbar zu sein, verweigerst du dich dem Schmerz, dem Verlust, der Verletzung, aber es gelingt dir nicht.

Auf dem Weg zu Günther Uecker in seinem Atelier in Düsseldorf. Ich warte vor dem Eingangstor zu dem alten Fabrikgebäude am Hafen. Er hat einen Zettel angeklebt: "Ich bin gleich zurück. Günther Uecker." Die Nachmittagssonne spiegelt sich in den gleißenden Fassaden moderner Architektur ringsum. Ich frage mich, wie kann ein Mann wie Uecker hier leben und arbeiten? Dann kommt er mit schnellem Schritt, groß und kräftig, und streckt mir mit einem offenen Lachen seine großen und kräftigen Hände entgegen. Skizzen, Arbeiten auf Papier, Bücherberge und Bühnenbildmodelle säumen unseren Weg durch die Räume und Etagen hin zu dem Fenster mit Blick aufs Wasser. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch, und schon hat Uecker den Bleistift in der Hand und zeigt mir die ersten Entwürfe für St. Ägidien, seinen, ich möchte sagen, Traumwald. Mit weiten Bewegungen misst er das Bildfeld ab, gibt Armen, Händen und Fingern dementsprechend Richtung und Verlauf und kreist so einen Ruhepunkt inmitten der Zerstörung ein.

Uecker,1930 im mecklenburgischen Wendorf geboren, seit 1955 in Düsseldorf, Mitglied der Künstlergruppe ,,Zero" um Heinz Mack und Otto Piene, dann Professor an der Akademie und immer ,,Ostmensch", wie er sagt, und ein Besessener, wie ich meine. Heute ist er ein Reisender, ein Nomade vielleicht, der zu den versunkenen Kulturen der Welt reist, um dort eine Zeit lang zu leben und zu arbeiten und die dort aufgefundenen Spuren in seine Arbeit zu führen und mit in dieses Atelier, sein Düsseldorfer Zelt, zu bringen. Der Unruhige, heilsam Beunruhigende, bleibt seiner Lehrzeit in der DDR, wo ein Realitätsbezug zwischen Denken und Handeln hergestellt werden musste, treu und übersetzt seine Gedanken in entgrenzte Räume, in eine poetische, ja, mythische Kraft, die dem Dämon eines Federico Garcia Lorca gleich kommt. Dieser Dämon ist da, du kannst ihn nicht besitzen, er besitzt dich. Du kannst ihn nicht suchen, er findet dich. Die Nägel, ja, aber auch Leinwand, Stricke, Hölzer, Pfähle, Papier, Fundstücke, Sand, Asche, Ruß, Gestein, Tücher. Uecker, der Wanderer, reist nach Afrika, Sibirien, China, in die Mongolei, nach Vietnarn und begibt sich an den entlegensten und extremsten Orten der Welt in Gefahr, aber er weiß Gott mit sich. Die Kunst-Welt feiert ihn mit Verve und Skepsis auf Biennalen, Dokumentas, in Ausstellungen rund um den Globus und in Theatern in Bayreuth, Stuttgart und Berlin, wo er als Bühnenbildner zu arbeiten beginnt. Er weiß, Dialog kann nicht retten, wohl aber bewahren. Mein Körper geht, aber die Seele, der Dämon, bleiben mein.

Wir sitzen an diesem Tisch und Günther Uecker, barfuß und leichtfüßig, meint ganz wie Lorca, man baut immer höher und höher und vergisst die Wurzeln dabei. Er hat wenig Zeit, kommt gerade aus Vietnam, wo er die serielle Arbeit an den Pfahl-Skulpturen unter Einfluss der Arbeiten von Künstlern vor Ort und der politischen Situation im Land fortgesetzt hat - nicht als Blitzbesuch, sondern in wochenlangem Dialog. Nun muss er nach Tallinn und Japan. Und nach St. Ägidien.

Uecker, ein Mann der Literatur. Nach frühen Pflicht-Lektüren von Lenin bis Heine entdeckt er Gottfried Benn, Wittgenstein und Sartre, den Taoismus, Zen-Buddhismus, Koran und heute vor allem das Alte Testament für sich. Er liest Benns Widerlegung der Definition des gesunden Menschenverstandes, Kafkas Literatur der Sehnsucht und des Scheiterns, Sartres Freiheitsbegriff, chinesische Lyrik, entdeckt in Text, Bild und Klang die Anwesenheit Gottes, zitiert in eigenen Werken das Alte Testament, folgt Hubert Fichtes Ethnologie und weiß heute vorurteilsfrei die Werte verschiedener Glaubensherkunft zu schätzen und zu formulieren, so in seinem "Andachtsraum" im Reichstag. Bezüge zur Musik von John Cage, zu Texten von Dürrenmatt, Ionesco und Christa Wolf führen Uecker aus seiner, wie er es nennt, ,,unalphabetischen Herkunft" heraus oder wieder dorthin zurück, wo er fern jeden Zynismus sich über die Welt wundern kann. Er baut sich ein sinnliches und intellektuelles Netz aus Wissen, Wundern, aus Gedankengebäuden, aber vor allem aus Rätseln, deren Geheimnis er nie verrät. Er reagiert auf politische Gefährdungen und erweist sich dabei sein Künstlerleben lang als Visionär. Sein Werk kreist umAngst, Hoffnung, Liebe, Tod, Sehnsucht, Scheitern, Aufbegehren und Entfremdung. Natürlich ist über Günther Uecker viel geschrieben worden und es wären weitere Spuren aufzuzeichnen, denen er gefolgt ist und die sein Werk hinterlässt. Aber die Vielbezüglichkeiten haben den einen zentralen Punkt immer bewahrt: die Gefährdung des Menschen und seine Würde. Das Bewahren. So weiß Uecker auch, St. Ägidien, dieser Ort und Raum, stumm und leer und von einer, ja, ich möchte sagen, unheimlichen Schönheit, kann nur von einem Bildhauer gefüllt werden, der die hier sichtbaren und unsichtbaren Zeichen in seinem neuen Werk weiterführen will, weiterzuführen weiß.

,,Am Beginn eines rastlosen Epos", zitierte ich eingangs Pasolini: Uecker, der Rastlose, nimmt von Reise zu Reise und Werk zu Werk Abschied, da er das Fremde in sich aufgenommen hat und in die Arbeit transformiert. Fernweh wird Heimweh. Seine Aquarell-Zyklen nehmen uns von Wustrow über Mexiko, Peru, Brasilien, Moskau, Taiwan, Island, Korea, Finnland, Kambodscha, Tibet und Patagonien in seine Wahrnehmungswelt mit. Im Wissen um die Geschichte, um Unterdrückung und Zauber bleibt erdem Mysterium treu, gibt sein Glück nicht auf und ist gleich auf mit dem Ursprung dessen, was er ist. Als folge er den Bewegungen stromaufwärts und zurück zu diesem Ursprung, nimmt er Abschied vom ,,Lost Paradise Lost". Voller Zuversicht macht er Erinnerung sichtbar. So in St. Ägidien. Diese Skulptur in der Erinnerungsstätte zu Hannover ,,in der Nachfolge eines Geschehens in der Mitte unserer Zeit", die Bewegung durch diesen Kirchen- und Uecker- Raum führt uns unausweichlich in die Gegenwart der Vergangenheiten, in die Passion und immer wieder zu uns selbst und unserer Verantwortung. ,,Mache dich, mein Herze, rein", heißt es in der ,,Matthäus-Passion": Fernweh wird Heimweh. ,,Welt, geh aus, lass Jesum ein!", endet die Arie bei Bach. Günther Ueckers Arbeit in St. Ägidien läßt uns ein.

Juni 2000: Im Zug von Berlin nach Hannover lese ich in dem Band ,,Archäologie des Reisens. Ein anderer Blick auf Uecker" (hg. v. H. N. Jocks): "(...) werden wir unsichtbar sichtbar,/ wo die welt des schweigens offenbar wird./ reste einer sich verwandelnden welt,/ lassen wir sie zurück,/ und benutzen wir sie nicht als wände und gitter,/ die uns blind machen,/ suchen wir keinen halt, bewegen wir uns", notierte Günther Uecker 1963. Er, stets ein Fremder unter Fremden, hält solchen spirituellen Reichtum, solch dramatisches und meditatives Fließen auf der Suche nach der sichtbaren Erinnerung fest. Daheim im Wandeln, zeigt er Verletzungen und Verbindungen auf, hält inne, geht weiter und weiter zurück nach vorn. "Die Verletzung des Menschen durch den Menschen", die Passionen, Verantwortung und Schuld, auch Schuld der Christen, bleiben Ueckers großes Thema. Dabei hält er inne, um gleich wieder aufzubrechen. Heimweh wird Fernweh.

Ich laufe durch die Expo-Stadt zu St. Ägidien. Die Kirchenmauern sind von wildem Grün überwuchert. Von weitem schon sieht man durch die Tore Ueckers 14 Kreuze, ein hier für die Ausstellungsdauer abgestelltes, liturgisches Gerät, das weiterziehen wird. Holz, Farbe, Tuch und die Nägel, seine "verlängerten Bleistifte", wie er sagt. Unter dem blauen Himmel leuchten die Kreuze in geradezu unheimlicher Schönheit. Hier erklingen Geschichten und Geschichte, hier bekommt das Opfer ein Gesicht. "werden wir unsichtbar sichtbar (...) bewegen wir uns."

 

Christoph Klimke

 

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