Katja Blomberg:
Wolfgang Nestlers
Kreuz für die Bugenhagenkirche
"Am Anfang ist wohl die Tat, aber darüber liegt die Idee. Und da
die Unendlichkeit keinen bestimmten Anfang hat, sondern kreisartig anfanglos
ist, so mag die Idee für primär gelten. Am Anfang war das Wort,
übersetzt Luther. Kunst verhält sich zur Schöpfung gleichnisartig."
(Paul Klee)
Nach seinem Erkundungsgang durch die Hannoveraner Kirchen hat sich der Bildhauer
Wolfgang Nestler für den Dialog mit einem modernen Gotteshaus entschieden.
Im Rahmen der Ausstellung "Lost Paradise Lost" fiel seine Wahl auf
die Bugenhagenkirche im Süden der Stadt. Am Ewigkeitssonntag 1962 wurde
die Zentralkirche geweiht. Fast vierzig Jahre lang haben sich mehrere Generationen
von Gläubigen in dem hellen Gebetsraum unter einem herkömmlichen
Bronzekreuz versammelt. Nun hat sich ein prominenter Stahlbildhauer daran
gemacht, das Alte durch das Neue zu ersetzen. Wolfgang Nestler sucht in seiner
feinnervigen Arbeit für die Bugenhagenkirche das zentrale Symbol der
Christenheit aufzulösen und im Einklang mit dem Architekturkörper
neu zu definieren.
Der heute siebenundfünfzigjährige Künstler und Professor an
der Kunstakademie in Saarbrücken hat das Kreuzeszeichen über dem
Altar auf ein physisches Minimum reduziert: An Stelle des älteren Balkenkreuzes
aus hohl gegossener Bronze verspannte Nestler zwei feine Stahldrähte,
die nichts verbergen und nur sich selbst genügen - eine hängende
Sehne und eine gespannte Saite im Raum. In etwa fünf Metern Höhe
überschneiden sich die Drähte, ohne physisch aufeinander zu treffen.
Bewusst wurden sie in einem Abstand von etwa 80 cm gehalten. Zwischen ihnen
entsteht ein ungewöhnlicher Freiraum, der Freiwilligkeit statt erzwungener
und ausformulierter Beziehung nahelegt. Das neue Kreuz artikuliert dort Freiheit,
wo herkömmliche Symbole für Festigkeit und Dauer stehen. Damit rückt
Wolfgang Nestler das Undefinierte und Unsagbare in den geistigen Mittelpunkt
seiner Arbeit.
Hier setzte die Diskussion in der Gemeinde an, nachdem das "Fadenkreuz"
in der Bugenhagenkirche installiert worden war. So viel Flexibilität
hat man in einem über Jahrhunderte tradierten christlichen Zeichen bisher
kaum erlebt. Das profane, technische Material sollte mit alltäglicher
Geste den Tod Christi am Kreuz symbolisieren? Doch steckt nicht gerade darin
auch ein Stück Hoffnung? Der Künstler facht das Nachdenken über
ein vertrautes, wenn nicht sogar verbrauchtes Symbol neu an.
Beim Eintreten in die Bugenhagenkirche wird Nestlers Altarkreuz kaum wahrgenommen.
Fast unbemerkt hat es die Apsis vernetzt und verdrahtet. Es gibt ihm Halt
und Spannung und ist zugleich unautoritär und gelassen. Durch seinen
leisen Auftritt entzieht sich das Kreuz aller Hektik des Tages. Nur der Suchende
wird seiner gewahr. Erst auf den zweiten Blick erkennt er das feine Lineament
vor einer grob gemauerten Kalksteinziegelwand. Dunkle Querstreifen und gestufte
Rechteckfelder strukturieren grob das dahinter liegende Mauerwerk. Vor diesen
optischen Dekorelementen muss sich Nestlers graphisches Raumzeichen behaupten.
Seine lineare Strenge macht es stark. Sie vermittelt Geistesspannung und Entschiedenheit,
Klarheit, Verantwortung und Beständigkeit und lässt in der Entspannung
zugleich Raum für Fragen, die ein jeder für sich selbst beantworten
kann.
Erst, wenn sich der Betrachter dem Altarraum nähert, spürt er, dass
die eigene Körperbewegung - das leichte Hin- und Herschwanken der Schritte
- sich wie ein Echo im Schnittpunkt der vertikalen und horizontalen "Kreuzbalken"
fortsetzt. Je näher er tritt, desto mehr zerfällt die zuvor wahrgenommene
Einheit. Die Vertikale gewinnt an Eigenständigkeit. Die Horizontale scheint
sich zu biegen, so, als wölbe sie sich mit der im Hintergrund gebogenen
Apsismauer zum Spannungsbogen. Unmittelbar vor dem Altar wird dem Betrachter
klar, dass Vertikale und Horizontale vereinzelt existieren. Der von der Decke
hängende Draht markiert die hintere Kante des Tisches, während die
waagerecht verspannte Saite die vordere Altarkante aufnimmt.
Am Altar gelangt allein die Senkrechte ins Sichtfeld. Darin liegt eine weitere
Geste, die Nestlers so einfach anmutendes Kreuz zu einem intensiven Erlebnis
werden lässt: Vor dem Altar wird der Blick von der Erde zum Himmel geführt.
An diesem Punkt konzentriert sich die Wahrnehmung von der Endlichkeit alles
Irdischen hinauf in die Unendlichkeit des himmlischen Raums. Sobald der Kopf
sich nach hinten lehnt und nach links und rechts der horizontal weit ausladenden
Drahtsaite folgt, vollzieht der aktive Betrachter den Kreuz- und Segensgestus
an sich selbst nach, vollendet das tradierte Zeichen am eigenen Körper.
Der Betrachter wird zum Teil des Ganzen. Er gerät in einen individuellen
Dialog, der ihm Hoffnung gibt, statt ihn durch ein festgefügtes Symbol
einzuschüchtern.
Das großzügige Kreuzeszeichen, das Wolfgang Nestler unter aktiver
und positiver Anteilnahme von Pastor Helmut Bochow in der Bugenhagenkirche
realisieren konnte, eröffnet viele Ebenen einer neuen Auseinandersetzung.
So wird die Gemeinde feststellen, dass das neue Fadenkreuz von jedem Sitzplatz
aus ein anderes ist. Vertikale und Horizontale treffen sich, je nach der Position
im Raum, an unterschiedlichen Punkten. Bewegt sich der Betrachter durch die
Bankreihen, scheint der vertikale Draht wie ein Geigenbogen über die
Horizontale zu streichen. Für jeden entsteht ein eigener Ton. Das Kreuzzeichen
ist offen und wird von allen Standpunkten aus unterschiedlich wahrgenommen.
In seiner Zartheit ist es verletzbar wie das Leben und leicht wie der empfindende
Geist.
Mit der Veränderung der Lichtverhältnisse im Tagesverlauf variiert
auch die Wahrnehmung des fein gespannten Drahtkreuzes. Einmal erscheint es
deutlich als Zeichnung im Raum. Dann wird es von farbigen Reflexen der Fenster-Buntverglasung
diffus umspielt. Ein anderes Mal verliert es sich im hellen Schein der Sonne
oder in der sich neigenden Dämmerung. In jedem Fall kommt das neue Kreuz
in seiner hohen Sensibilität bei Tageslicht besser zur Geltung als bei
Kunstlicht. Dann nämlich entstehen künstliche Schlagschatten, die
eine irritierende Konkurrenz zur physischen Präsenz der feinen Drähte
bilden.
Beim Aufbau der Arbeit konnte sich die stark gespannte Horizontale lange nicht
beruhigen. Ein wiederholtes Ächzen ging durch den Kirchenraum. Es verlieh
der Installation eine akustische Dimension. Nestlers Kreuz lädt somit
nicht nur zu einer Neuinterpretation des Christussymbols ein. Sein Kreuz bildet
die Saite eines Klangkörpers, auf dem die Seele - zwischen Spannung und
Gelassenheit, zwischen Leid und Glück, zwischen Tod und Leben - zum Schwingen
kommt. In diesem Zusammenklang mit dem Kirchenrund verbindet Nestlers neues
Altarkreuz alles mit allem. Darin liegt die positive Botschaft dieser Arbeit,
über die der ganze Kirchenraum zu jubilieren scheint.
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