Kreuzkirche

 

Klaus Bußmann

Eduardo Chillida gilt gemeinhin als der größte lebende Bildhauer Europas. Was die äußeren Ehrungen und Erfolge angeht, ist das nachzuvollziehen - kaum ein anderer Künstler hat so früh und so kontinuierlich die wichtigsten Preise, Einladungen zu großen Ausstellungen und Biennalen, die größten Retrospektiven erhalten wie er. Nicht zuletzt ist er, als Nachfolger von Henry Moore, einziger ausländischer Künstler im exklusiven deutschen Orden "Pour le mérite". Aber er ist kein "Staatskünstler". Er ist auf sehr schwer vermittelbare Weise immer er selbst geblieben, geborgen in seiner großen Familie, ein Existenzialist, dem die Beobachtung der eigenen Hand ebenso wichtig ist wie die Reflexion über den Kosmos. Er ist Baske mit einer sehr genauen Kenntnis der Geschichte und der Rechte des baskischen Volkes, er ist Spanier, vertraut mit der Größe spanischer Kultur, er ist vor allem Europäer - mit einer besonderen Sympathie für die deutsche Kultur, für Goethe und Bach -, der in seinem künstlerischen Werk als einer der wenigen gegen die dominierende Position der Amerikaner ureigene europäische Traditionen behauptet und fortentwickelt hat. Diese Traditionen können benannt werden mit Picasso und Gonzales, und die handwerkliche Komponente dieser beiden Begründer der spanischen abstrakten Eisenskulptur ist bis heute für Chillida Voraussetzung für sein Werk geblieben. Die Auseinandersetzung mit dem Material - Eisen, Stahl, Schamotte, aber auch Filz und Papier -, die materielle Identität von Schein und Sein, auf der Grundlage der sehr genauen Kenntnis aller handwerklichen Prozesse, ist für ihn ein zentrales Element seiner Kunst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Gleichgesinnte aus seiner Generation, wie Norbert Kricke oder Anthony Caro, mit ihm in gegenseitiger Hochachtung verbunden waren. Kenntnis und Umgang mit dem Material sind für Chillida zugleich aber immer auch die Überwindung der Materie.

Es wäre falsch, Chillida nur als einen formal virtuosen Erfinder abstrakter Eisenskulpturen zu sehen. Seine Kunst ist nicht "art pour l’art". Sie ist Instrument auszudrücken, was für ihn die Welt bewegt - der Kampf der Elemente und Kräfte der Natur, die Überwindung der Materie durch den Geist, die mystische Vereinigung von Mensch und Kosmos.

Chillida ist Existenzialist, aber ein gläubiger, christlicher, ja sehr katholischer, dem die Werke der Theresa von Avila ebenso vertraut sind wie die von Juan de la Cruz. Aber er ist kein katholischer Bildhauer, ebensowenig wie Joseph Beuys, mit dem ihn gegenseitige Bewunderung verband. Selbst das Motiv des Kreuzes, dem die Ausstellung in Hannover gewidmet ist, darf nicht als Zitat verstanden werden. Es ist in seinem Werk latent vorhanden, selten direkt auf einen bestimmten Auftrag bezogen, wie in den beiden Kirchen in San Sebastián, aber immer als christliches Symbol des Kreuzestodes Christi. Es ist für ihn ein Grundsymbol menschlicher Existenz, die Verbindung von Horizontale und Vertikale, Himmel und Erde. Grundmotiv der Arbeit Chillidas ist die "coincidentia oppositorum", die Spannung zwischen Leere und Fülle, zwischen Fallendem auf Aufsteigendem, auch zwischen Schwarz und Weiß.

Von seiner Ausbildung her Architekt, bleibt er auch als Bildhauer ein Künstler, der in architektonischen Kategorien denkt. Seine graphischen Arbeiten sind architektonische Anlagen, Grundrisse aus der Vogelperspektive, zweidimensionale Räume, in denen das Auge des Betrachters wandert. Daher sind seine graphischen Arbeiten nicht "Abfallprodukte" eines originären Bildhauers, sondern gleichberechtigte Reflexionsergebnisse in einem anderen Medium, virtuelle Räume, aber zugleich graphische Zeichen von außergewöhnlicher Ausdruckskraft.

In dem sehr sorgfältig edierten Oeuvre-Katalog der Druckgraphik Chillidas, 1996 im Chorus-Verlag in Mainz in bisher drei Bänden erschienen, gibt Martin van der Koelen zur formalen Struktur der Arbeiten des Künstlers eine sehr prägnante Definition:

"In Chillidas Arbeit findet sich nicht die geringste Affinität zum Informellen, auch zeigt sich keinerlei Rückgriff auf Naturformen. Man spürt eine außergewöhnliche formale Strenge; aber dennoch: Es gibt keinen rechten Winkel, keinen perfekten Kreis, keine mit dem Lineal gezogene Linie; seine Arbeit ist konstruktiv, aber nicht geometrisch-konstruktiv. Dies macht die Fremdartigkeit seiner Bildgegenstände begreiflich; woraus aber resultiert die starke Empfindung ihrer Zugänglichkeit und Greifbarkeit?

Chillida greift zwar nicht auf bekannte Formen realer oder künstlicher Gegenstände zurück, doch verwendet er das Vokabular der Grundelemente der Wahrnehmung. Die primären Schritte im Mechanismus des Sehens, die damit befaßt sind, visuelle Einheiten aus dem Bildfeld herauszulösen und überhaupt erst zu Gegenständen der Aufmerksamkeit zu machen, müssen sich nicht langsam suchend vorantasten; der Blick des Betrachters wird ohne Unsicherheit und Zögern an die seltsam ungewohnten Formen und Bildgegenstände herangeführt.

Der Künstler benutzt dieses Grundvokabular ausschließlich und konsequent. Seine Sicherheit, damit umzugehen, schließt alles Informelle und jede Beliebigkeit aus. Darin liegt die formale Strenge, und daraus ergibt sich die direkte Zugangsmöglichkeit für den Betrachter. Die Klarheit, der Verzicht auf Irritationen, die rigide Einhaltung der ‘Grammatik’ erlauben erst die Freiheit einer Ausdrucksform, die ohne jegliche Anleihe an Bekanntes auskommt und dabei trotzdem zugänglich bleibt. Der Betrachter muß sich zumindest den ersten Schritt zu den fremdartigen Bildgegenständen nicht mühevoll erarbeiten, sie präsentieren sich auf eine offene Weise. Wenn er sich dann in einem zweiten, reflektierten Schritt bewußt wird, daß da etwas völlig Unbekanntes vorliegt, ist das Mißtrauen schon überwunden, und er kann sich in unbefangener Neugier auf die wunderbar eigenartigen Objekte einlassen."

Es ist hier nicht der Raum, auf die stilistische Entwicklung des Künstlers in den verschiedenen Phasen der letzten fünfzig Jahre einzugehen, doch sollten zwei wichtige und originäre Erfindungen im Bereich der Druckgraphik, die in dieser Ausstellung mit prominenten Beispielen vertreten sind, genannt werden: die Prägedrucke - hier in der berühmtesten Folge der "Hommage an Juan de la Cruz" - und die "Gravitaciones".

Der Prägedruck selber ist natürlich nicht eine Erfindung Chillidas, wohl aber seine Verwendung für ein rein spirituelles Thema: Weiß in Weiß als flaches Relief, das der Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters hohe Konzentration abverlangt und ihn zur Meditation einlädt. Die "Gravitaciones", eine originäre Erfindung Chillidas, mehrere freihängende Schichten von Papier oder Filz, die den Drang von der Fläche zum Raum sinnlich erfahrbar machen, sind von Martin van der Koelen wie folgt charakterisiert worden: "Chillidas Erfindung der ‘Gravitationen’ aus dem Jahr 1987 erscheint ungefähr zeitgleich in Form von Unikaten und in der Druckgrafik. Dabei handelt es sich nicht um eine spezielle Art der Collage, sondern um eine Überwindung oder Ablösung dieser eher flächigen Technik: Mehrere lose übereinanderliegende Blätter - außerhalb der Druckgrafik auch Filzmatten - sind an verschiedenen Stellen durchbohrt und mit einem durchgezogenen Faden zusammengebunden. Zur Aufhängung ist ein weiterer Faden mit seinen beiden Enden an zwei der oberen Bindestellen befestigt. Die Gravitationen hängen an diesem Faden, ‘gravitieren’. Abgesehen von einem leicht ironischen Anklang - in Anbetracht des Gewichtes des Papiers - kommen hier dreidimensionale Aspekte ins Spiel, die in Chillidas grafischem Gesamtwerk durchaus neu sind."

In der Hannoveraner Ausstellung ist diese Werkgruppe mit drei der wichtigsten Arbeiten Chillidas vertreten, den auf Einladung von Pater Mennekes für die Ausstellungsstation Sankt Peter in Köln 1993 geschaffenen Reflexionen über das Kreuz, die nach der Ausstellung vom Erzbischöflichen Diözesanmuseum in Köln für die Sammlung erworben wurden. Die blockhaft geschlossenen schwarzen Arbeiten auf beiden Seiten, in denen nur in der Mitte gewissermaßen als Rückgrat das Kreuz von unten nach oben aufsteigt, kontrastieren mit der Leere der mittleren Arbeit, die von schwarzen Flächen gerahmt, als offene Tür erscheint, über der das Zeichen des Kreuzes aufscheint. Die intensive, variantenreiche, aber nie repetitive Auseinandersetzung mit der Form des Kreuzes zeigen auch die letzten, bisher noch nie öffentlich gezeigten Arbeiten Chillidas. Wir sind dem Künstler dankbar dafür, dass er sie für Hannover zur Verfügung gestellt hat.

Eduardo Chillida gehört zu den wenigen, die es geschafft haben, in der Kunst der letzten fünfzig Jahre "Zeichen zu setzen", sei es als Monument - wie in Guernica oder Sevilla, neuerdings auch in Berlin in seiner eindrucksvollen Skulptur am Kanzleramt -, sei es in seinem graphischen Werk - wie in der Hommage an Johann Sebastian Bach -, sei es in seinen Signet- und Plakatentwürfen für die unterschiedlichsten aber immer für die Menschenrechte engagierten Gruppen. Seine humane kosmopolitische Grundeinstellung, aber auch seine innere Beziehung zur Musik lassen den Vergleich mit Yehudi Menuhin als einem großen Botschafter der Menschlichkeit nicht deplatziert erscheinen.

 

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