Stephansstift

 

Wieland Schmied:

Zum Werk von Hermann Nitsch

Wer eine Ausstellung von Hermann Nitsch betritt, meint, er betrete eine andere Welt. Er spürt: Dies ist ein ausgegrenzter Bezirk, abgehoben vom Alltag. Dies ist keine zufällige Versammlung einzelner Bilder, keine Accrochage. Hier ist alles aufeinander bezogen, in einen großen Zusammenhang einbezogen. Jedes Bild erscheint als Teil eines Ganzen, ist Teil eines zusammengehörigen Ensembles, gehört einer Inszenierung, einer Installation an. Es entsteht Raum, ein Bezirk höherer, intensiverer Realität.

Dann ist da noch etwas Besonderes. Viele Einzelheiten deuten an, dass diese Bilder einem Kontext entstammen, der auch uns, die Betrachter, mit einbeziehen will. Das Geschehen, aus dem sie hervorgingen, der Malakt, die Aktion, die Malaktion, scheint noch nicht abgeschlossen. Da sind die Malhemden des Künstlers, die er während der Arbeit trug, an zentraler Stelle ins Bild eingefügt: Der Künstler ist eingegangen in sein Bild, hat seine Spuren hinterlassen, bleibt in ihm anwesend, und er scheint uns einzuladen, sich mit ihm und dem Malvorgang zu identifizieren, mit ihm ins Bild einzutreten. Zugleich erinnern diese von den Spuren des Malprozesses gezeichneten, von Farbe durchtränkten Arbeitshemden an das Messgewand des Priesters, und der Malakt gewinnt plötzlich eine ganz andere Dimension.

Auf Tischen vor und zwischen den Bildern ist allerhand Gerät, Geschirr, Werkzeug angeordnet, Schüsseln mit roter Farbe, Zuckerstücke, Watte, Mullverband, Messer, Stichel, und dazwischen immer wieder frische Blumen. Für wen sind die Instrumente bereitgelegt? Wer soll sie aufnehmen und die Arbeit des Künstlers fortsetzen? Ist denn der Prozess noch nicht abgeschlossen? Die Bilder noch nicht fertig? Sind das Lebenswerkzeuge oder Leidenswerkzeuge oder ist das alles dasselbe? Sind es die gleichen Geräte, die Wunden zufügen und Wunden heilen helfen? Ist jede Aktion nicht auch Passion?

Es ist schwer, die Atmosphäre, die eine solche Inszenierung der Bilder von Hermann Nitsch vermittelt, anders zu beschreiben als mit der Suggestion des Heiligen. Wir zögern, das Wort "heilig" auszusprechen - auch wenn der Künstler es gern und ohne Hemmung verwendet. Aber eine Installation von Nitsch vermittelt uns das Gefühl: Alles ist heilig, alles Leben, alles Lebendige ist heilig. Wer sich auf die Betrachtung seiner Bilder einlässt, wird von dieser Empfindung erfasst, er mag sich noch so sehr gegen sie wehren. Der Prozess, aus dem diese Bilder hervorgingen, ergreift ihn, er ist noch nicht am Ende, er wird in den Lebensstrudel hineingezogen, und einen Augenblick mag er gar die Empfindung haben, diese Bilder seien seinem eigenen Dasein entsprungen. Nirgendwo sonst als in den Bildern von Hermann Nitsch sehe ich eine vergleichbare Nähe zu religiösen Phänomenen, nirgendwo sonst kommt Kunst der Religion so nahe - was sowohl in christlich wie in künstlerisch bestimmten Kreisen erhebliche Berührungsängste geweckt hat. Der Künstler in der Imitatio Christi, das ist und bleibt ein Ärgernis.

Nitsch deutet das Leben als Passion, den Malprozess als verdichtetes Leben und damit als Inbegriff der Passion. Jedes Bild hat diese Botschaft. Alle Farbspritzer erinnern an Blutspuren. Alle Bilder sprechen von Verletzungen, von Verletzungen, die nicht auszulöschen sind. Hermann Nitsch führt uns seine Bilder vor Augen, als weise er Wundmale vor.

 

Die Kunst von Hermann Nitsch darf gewiss nicht gedankenlos progressiv genannt werden, so wenig es zutreffen würde, sie als reaktionär zu bezeichnen. Sie ist weder das eine noch das andere - sie hat sich aus dem Fortschritt der Ismen ausgeklinkt, sie spielt nicht mit im Wechsel der Richtungen. Sie hat sich auf einen Seitenweg, ein Nebengleis der zeitgenössischen Kunstproduktion begeben, und wir dürfen es getrost der Zeit überlassen, darüber zu befinden, wie wichtig diese Nebenstrecke einmal einzuschätzen sein wird und wohin der Seitenweg geführt haben mag.

Dabei liegen die Wurzeln der Kunst von Hermann Nitsch offenkundig in den avantgardistischen Strömungen der fünfziger Jahre. Die Herkunft seiner Malerei von Tachismus und Informel, von Action Painting und Happening ist unzweifelhaft. Ohne sie hätte sie sich nicht so konsequent im Rausch der Malaktion konzentrieren und das Bild als Gewinn, als Beleg, als Relikt einer solchen Aktion begreifen können.

Die Rolle der Aktionsmalerei für die Entwicklung von Nitsch kann gar nicht überschätzt werden. Wie für so viele andere bedeutete sie auch für ihn eine innere Befreiung. Aber sie war für Nitsch noch mehr. Sie markierte den entscheidenden Schritt auf seinem Weg von der Kunst zum Leben und darüber hinaus zu einer Usurpation des Lebens für sein Konzept eines Gesamtkunstwerks

Der junge Nitsch hatte viel geschrieben. Neben graphischen Arbeiten versuchte er sich vor allem dichterisch zu äußern. Doch schon früh erlebte er das Ungenügen am Wort. Er spürte, dass er sich hier in einem Bereich der Symbole und Zeichen bewegte und dabei sehr weit entfernt blieb von der Wirklichkeit, nach deren Berührung er sich so sehnte. Schon der Schritt zur Malerei mit dem durch ihre Materialien viel stärker physisch geprägten Charakter brachte ihn der Realität näher, und die Erfahrung der Aktionsmalerei, in der jeder Gedanke an die Wiedergabe der sichtbaren Welt von vornherein ausgeschlossen war, in der das Bild zuallererst konkret den durchlaufenden Prozess des Malens, also ein Stück eigenen Lebens, verkörperte, führte ihn noch einmal ein wichtiges Stück weiter.

Gewiss erscheinen viele Elemente der Kunst von Hermann Nitsch, aus dem Zusammenhang seines Gesamtkunstwerks genommen und isoliert betrachtet, "regressiv", so die häufige Reduzierung der Sprache auf den Schrei, der Musik auf den Lärm, der Malerei auf den Vorgang des Schüttens, Verspritzens, Besudelns. Erst im Kontext des Orgien Mysterien Theaters gewinnen diese Elemente ihre Funktion und ihren ästhetischen Sinn.

Das Gleiche gilt für die psychischen Antriebe, aus denen seine Kunst resultiert. Die Kunst von Hermann Nitsch ist ihrem ganzen Wesen nach rückwärtsgewandt. Sie blickt zurück, aber nicht zu irgendeinem Paradies vor dem Sündenfall, nicht zu irgendeinem legendären Goldenen Zeitalter, sondern zu einer dionysisch-rauschhaften Daseinsfeier, die das Bewusstsein des Todes, des Untergangs, der Zerstörung mit einschließt. "Et in Arcadia ego" lautet die Botschaft des Todes an die Hirten auf dem berühmten Bild des Nicolas Poussin.

Wer also nicht zu Unrecht das atavistische Element der Kunst von Hermann Nitsch betont, der muss zugleich auch dies sehen.

Aus allem, was Hermann Nitsch unternimmt, sagt, schreibt, malt, konzipiert, spricht eine die Passion übersteigende, alles Leiden überwindende, rational nicht begründbare Lebensfreude, eine nicht zu bändigende Leidenschaft, ein unstillbarer Durst nach Dasein. Es sind der Jubel, die Inbrunst, der Enthusiasmus dieses Künstlers, die sich dem Betrachter mitteilen und ihn überzeugen, ihn mitreißen. Wo er an der unserem Empfinden eingeschriebenen Schmerz- und Ekelgrenze zögert, zaudert, gar zurückschreckt, da sind es dieser Jubel, diese Inbrunst, dieser Enthusiasmus des Künstlers, die ihn Hemmungen überwinden lassen und über die nicht ignorierbare Schwelle hinwegtragen.

Es ist die Glut der Emotion, die bei Hermann Nitsch alles durchdringt und die divergierendsten Elemente seines Orgien Mysterien Theaters zusammenzwingt. Ein kühl-rationaler Kopf hätte das Orgien Mysterien Theater nie schaffen können, und hätte er es konzipiert, keiner hätte es ihm geglaubt, keiner wäre ihm gefolgt. Das Orgien Mysterien Theater musste aus dem Bauch heraus geschaffen werden - und aus einem heißen Herzen. Der Kopf konnte erst später versuchen zu erklären und zu kommentieren, was da entstanden war.

Von Malern, vor allem von Malern aus dem Umkreis der Realisten und der Neuen Sachlichkeit - wie etwa Dix, Grosz oder Schad -, pflegt man häufig zu sagen, sie "sezierten" ihren Gegenstand, und meint damit, sie gingen unbarmherzig mit ihm um, sie handelten eiskalt und gnadenlos. Wenn Hermann Nitsch buchstäblich mit Fleisch umgeht, es "seziert", es zerreißt, ist sein Antrieb spürbar die Liebe zur Kreatur, der Wunsch des Einsseins mit ihr, und nichts sonst.

 

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