Drei Skulpturen in der Willehadikirche
Die Willehadikirche ist fast bildlos. Eine zentral angebrachte Christusfigur verweist auf das Leiden am Kreuz: ernst, pur, ohne Möglichkeit zur Identifikation (wie kann ich mich mit einer Figur identifizieren, die als Symbol das ganze Leiden der Welt in sich trägt? - Eine Identifizierung wäre vermessen).
Wo ist Maria? "Maria ist die Komplizin gegen die Schriftgelehrten, deren schwere Bücher ihre Gesichter zu Boden zerren. Sie hat kein Stigma, sie ist nicht von Pfeilen durchbohrt, sie wurde nie gesteinigt. Sie ist hier und sie ist schön. Sie ist das was nicht gesprochen werden kann. Sie ist der Spiegel unserer Hoffnung". (S.H. in "Nordwand-Südkreuz", Katalog Wuppertal 1993).
Ich habe mich für den schmucklosen Raum in der Willehadikirche entschieden, da meine drei Skulpturen - trotz ihrer bescheidenen Größe - eine produktive Störung darstellen. Meine Kunstwerke lenken das protestantische Primat des Wortes auf den südlich-katholischen Glauben an das Bild. Die drei Skulpturen sind natürlich besprechbar: Sie sind narrativ genug. Dennoch sind sie sprachlich nur begrenzt kompatibel. Die gänzliche Erklärung eines Kunstwerkes ist selbst durch alle denkbaren Gedanken nicht möglich. Die hier ausgesuchten Kunstformen sind Fremdkörper in der protestantischen Backsteinarchitektur, ebenso wie im atmosphärischen Kontext des gesprochenen Wortes. Sie lenken weg vom Wort, sie transportieren Empfindung (Bildsprache ist kein Erziehungsprogramm, sondern die Metasprache der Empfindung). Ihr temporäres Dasein in der Willehadikirche wird Zustimmung oder Ablehnung hervorrufen. Diese ist jedoch stärker mit der eigenen visuellen Erinnerung als mit dem Ortskontext verbunden.
PIROUETTE, 1995, Plastikskelettteile, Aluminium, Glas, Licht. Courtesy: Galerie Friedrich und Ungar, München.
Zum Inventar der Barockkirchen gehört die bildliche Darstellung der Vanitas in Form von Gerippen und Knochen. Hochkultur und Volkskunst bilden hier eine Einheit. Memento mori als Schönheitsbegriff wird anschaulich im Untergeschoss des Kapuzinerkonvents in Rom: Dort sind Ornamente aus Knochen und Schädeln gelegt; Knochenkronleuchter hängen von der Decke. Leiden, Tod, Erlösung, Schönheit und Formenspiel bilden eine Synthese. Dieses Bildprogramm wurde von der katholischen Kirche aufgegeben, jedoch von der Kunst und der Science-Fiction-Filmproduktion übernommen. Pirouette als Leuchter ist klassisch-katholisches Kircheninventar und zugleich Statikproblem aus Arm und Bein (also ästhetische Volte), Pirouette ist zeitloses Memento mori. Pirouette ist eine hybride Form, ein Bastard aus Schönheit und Geisterbahn, aus regional-mentaler Bindung und freier Form.
ICHKUPPEL, 1995, Polyester, Filz, Lautsprecher, Tonbandgerät, Endloscassette. Courtesy: Galerie Friedrich und Ungar, München.
Aus dem Inneren des Hutcorpus ertönt in kurzen Abständen folgender - von einer Rundfunksprecherin gesprochener - Text: "Wir stoßen Dich nieder / Wir schlagen Dich mit Krankheit / Wir verfolgen Dich, bis Du ausgetilgt bist / Wir liefern Dich aus / Du brauchst unsere Hilfe / Du wirst unsere Hoffnung erfüllen / Du erhältst unseren Schutz / Es gibt keine Stelle, wohin Du Deinen Fuß setzen kannst / Alles was Deine Hände schaffen wird vernichtet / Verflucht bist Du, wenn Du ausziehst / Verflucht bist Du, wenn Du heimkehrst / Du hast Führungsqualitäten, Du bist pragmatisch / Du bist schnell / Du formulierst Dich blendend / Du bist ein Sieger / Du schaffst es nie / Es ist zu spät / Du bist sprachlos / Du hast keine Chance." - Der sprechende Hut ist einerseits einfaches Symbol, andererseits psychoanalytisches Fragment. Es bilden sich Erinnerungen an Früher / Kindheit / Da-war-doch-was, die auch im religiösen Kontext ihre Einlösung finden: Liebe beim Mittun, Drohung beim Ausscheiden. Der kurze Text ist eine Verknüpfung zwischen Bibelfragmenten und Erziehungsverdikten. Er zielt jedoch nicht kritisch auf die Institution Kirche (Ich mag kein politisches Bekennertum in der Kunst). Beginnt die Kunst, gesellschaftspolitische Zustände zu thematisieren/kritisieren, wird sie schwach und tautologisch. Allein durch ihr - ausschließlich an das Subjekt gebundenes - Vorhandensein, allein durch ihre Freiheit von Verwertungszwängen ist sie Affront genug gegen die vorhandene ökonomische Ordnung. Sie ist Verschwendung, eine Un-tat im Sinne der Ökonomie. Dadurch ist sie freieste und höchste Form der menschlichen Arbeit. Sie ist im Gegensatz zum religiösen Ritus der Gemeinde ichgebunden und steht eigensinnig konträr zur rituellen gemeinschaftlichen Erfahrung.
TRÄGERSTAFFEL, 1998, Sackkarre, Kitonanzug, bestickt mit den Namen aller Sherpas, die bis 1998 auf dem Gipfel des Mount Everest waren. Courtesy: Galerie Friedrich und Ungar, München.
Trägerstaffel ist ein bewegliches Denkmal. Metaphorisch ist es die Verbindung von Arbeit und Luxus. In der Willehadikirche steht die Sackkarre abgestellt und vergessen im Eck. Trägerstaffel ist eine Variation von "Arbeiten im Reichtum", dem Schubkarren mit Kronleuchter, abgestellt im Lichthof der Hamburger Kunsthalle. Trägerstaffel ist die Nobilitierung der Träger und der Zuträger, gleichzeitig ist es die Relativierung der (nichtbenannten) Meisterkletterer, die an die menschliche Leistungsgrenze gehen, um am höchsten Punkt der Erde Gott gleich zu sein - was ohne Träger niemals möglich wäre. Himalayaberge - glauben Sherpas - sind göttliches Terrain und nur durch Opfer betretbar. Nach Angaben von Jon Kracauer hat der Mensch auf 8.800 Meter Höhe, aufgrund des fehlenden Sauerstoffes, die Hirnleistung eines Kindes. Gott schützt sein Terrain.
Stephan Huber